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Unterwegs auf dem Jacobsweg zwischen Kerpen und Köln (Februar 2018)

Irgendjemand scheint hier seinen Camino beendet zu haben.
Irgendjemand scheint hier seinen Camino beendet zu haben.

Es gab mal eine Zeit, da habe ich in Kerpen-Horrem gewohnt.

Für mich als geborenen "Ruhrpöttler" ein Kulturschock, aber trotzdem schön ;-)

Bei einem Sonntagsspaziergang in eben dieser Gegend entdeckte ich zufällig ein Schild, das den Weg den ich dort ging, als Pilgerweg auswies.

Indem ich dieses Schild passiere, frage ich mich, wer diesen Weg hier wohl gehen mag?

Ich meine, ihn wirklich als Pilgerweg nutzt?

Mir kommt der spanische Camino in den Sinn und die Bücher, die ich zum Thema gelesen habe.

"Würde ich gerne mal machen", denke ich und ertappe mich dabei, dass ich diese Art der besinnlichen Reise als ganz ansprechend empfinde.

Allerdings ist es mit der Besinnlichkeit dann schnell vorbei, denn dieses erste von mir beschriebene Stück führt entlang der A4.

Trotzdem setzte sich der Gedanke daran erst einmal fest und ich plante, wenigstens eine Etappe probeweise zu gehen.

Nicht nach Santiago de Compostella, sondern zum Kölner Dom.

Das sind von Horrem / Neu- Bottenbroich gute 25 KM.

Reicht ja wohl, für eine Couchpotato wie mich!

Allerdings wollte ich den Weg auch unter "Realbedingungen" gehen.

Soll heißen:

Früh aufstehen, Wanderschuhe anziehen, Rucksack packen und los. Wetter egal.

Meine Wahl fiel auf einen kalten Februarmorgen des Jahres 2018.

Also verabschiedete ich mich um 09.00 von meiner Liebsten und machte mich auf den Weg.

Erster Eindruck des Tages:

Es fühlt sich gut an. Richtig gut.

(Also nicht der Abschied, sondern mehr die Erkenntnis den A.... hochbekommen zu haben.  ;-)

Die Sonne scheint und auf der Straße befindet sich ein wenig Rauhreif.

Das erste Stück führt mich heraus aus Neu- Bottenbroich, entlang der Habbelrather Str., in Richtung Dürener Str. Nach ca. 500 m überquere ich die Autobanbrücke und biege direkt dahinter links ab, auf einen  Fußweg.

Hier beginnt das eigentliche Stück.

Wie schon oben beschrieben, ist es trotz Schallschutzwand ziemlich laut und wenig besinnlich.

Zweiter Gedanke: Mir doch egal.

Der Weg ist wie er ist.

Hier ist es halt laut. Man kann es sich nicht immer aussuchen.

Weiter geht`s und bald wird es still. Richtig still.  Um mich herum und auch in mir.

Der Weg führt nach einer Weggabelung weg von der A4 und weiter durch Felder in Richtung Königsdorfer Forst.

Wie schön es hier ist.

Ich packe meine Kamera aus und fotografiere Eiskristalle an Grashalmen die in der Sonne blitzen.

Ist es das? Wovon alle immer reden? Dass es am Ende egal ist, wie lange Du für "Deinen" Weg brauchst? Dass das Laufen an sich, die Bewegung, die Seele und Wahrnehmung öffnet? So eine Art Meditation?

Keine Ahnung. Es ist wie es ist und ich lasse es zu.

Der Weg führt nun wieder aus den Feldern heraus und schon wieder überquere ich die A4.

Langsam beschleicht mich der Eindruck, dass das noch eine ganze Zeit so bleiben wird.

Hinter der Autobahnbrücke geht es in den "Königsdorfer Forst". Er ist benannt nach dem gleichnamigen Stadteil in Frechen. Die geneigte Leserschaft wird bemerkt haben, dass ich mittlerweile in eben dieser Stadt angekommen bin. Wer den Namen nun von wem geerbt hat, konnte ich noch nicht herausfinden. Vielleicht gibt es ja hier "ortskundige", die mir da weiterhelfen können.

Der Waldboden ist voll von gefrorenem Schlamm, der das Laufen echt anstrengend macht.

Es ist glatt und trotzdem wunderschön, weil die Sonne durch die Baumwipfel scheint und die gesamte Umgebung in ein warmes Licht taucht.

By the way: Mir ist mittlerweile auch richtig warm.

Nach einem ganzen Stück komme ich an einen Gedenkstein, wo jemand eine Blume, sowie eine Grabkerze hingestellt hat. Ich halte einen Moment inne und versuche die abgesoffene Kerze  wieder in Gang zu bringen. Klappt. Mir sind bis zu diesem Punkt des Weges ganze drei Menschen begegnet. Und das mitten im Rheinland.

Köln-Weiden Ich kann schon den Dom sehen.
Köln-Weiden Ich kann schon den Dom sehen.

Dritter Gedanke:

Um Glück empfinden zu können, braucht es nicht viel.

Mittlerweile ist es Mittag und ich verlasse den Königsdorfer Forst in Richtung Köln-Weiden.

Ich laufe noch durch Frechen und meine Wegweiser führen mich immer mehr in Richtung Aachener Str. Für alle Nicht-Kölner: Die Aachener Straße ist eine DER Hauptverkehrsadern in Richtung Kölner Innenstadt. Teilweise sechsspurig und mit Straßenbahn in der Mitte.

Na Prost Mahlzeit. Egal, et kütt wie et kütt.

Ich betrete die Aachener Straße in Höhe einer Hausnummer im vierstelligen ! Bereich.

Kannte ich bis dahin auch noch nicht.

Eine abgelaufene Sanduhr über der Tür eines Grabmals. Erinnerung an die Endlichkeit.
Eine abgelaufene Sanduhr über der Tür eines Grabmals. Erinnerung an die Endlichkeit.

Einige Kilometer weiter gelange ich an den Melatenfriedhof. Wieder so ein Kölner Original.

Ich flüchte vor dem Verkehrslärm und biege auf den Friedhof ab, auf dem wirklich jeder Kölner Bürger beerdigt ist, der Rang und Namen hat. Was für ein krasser Schnitt. Die Friedhofsmauer schirmt den Verkehrslärm ab und man befindet sich, trotz direkter Nähe zur Straße, an einem sehr stillen und würdevollen Ort. Ich lese Namen auf Grabsteinen, die ich aus Funk und Fernsehen kenne und im nächsten Moment passiere ich ganz normale Reihengräber. Es fühlt sich an, als wären die Verstorbenen noch immer ein lebendiger Bestandteil der Kölner Bevölkerung. Mitten in der Stadt. Eingefügt zwischen Straßenbahn und Hauptstraße sorgt dieser Ort für Ruhe und dient somit nicht nur als Erinnerungsstätte an die Liebsten, die man verloren hat. Vielmehr ist es ein Ruhepol.Und als ich so laufe, begegnet mir eine Beerdigungsgesellschaft. Auffällig ist, dass manche ein Flasche Kölsch, oder ein Glas Sekt in der Hand halten. Sie kommen wohl vom Grab und haben dem/der Verstorbenen einen letzten Wunsch erfüllt....Ich schmunzel und denke: So kann es auch sein. Keine schlechte Idee.

Ihr merkt vielleicht, wie nachdenklich mich der Gang über den Melaten Friedhof gestimmt hat.

Aber in keinster Weise traurig. Es war eine Geschichtsstunde und es war Erholung, bevor mich die Aachener Straße wieder in Empfang genommen hat.

Ein Stück weiter kehre ich in einer Bäckerei ein. Der Laden ist voll und es hat sich eine lange Schlange gebildet.

Eine echt Kölsche Bäckereifachverkäuferin ruft durch den Laden:

"Hörens, Sie müssen mir schon sagen was sie wollen" Uups, das ging an mich.

Bestelle mir nen Kaffee und ein Brötchen und setze mich das erste mal an diesem Tag.

Klarer Fehler, wie ich später feststelle.

Der Kaffee ist der Hammer und wärmt super. Mittlerweile bin ich gute achtzehn Kilometer gelaufen und ich spüre trotz der gut eingelaufenen Schuhe, sehr deutlich meine Füße.

Boah, ich könnte ewig hier sitzenbleiben.

Hilft ja nix. Ich muss weiter. Also den Rucksack aufgesetzt und weiter die Aachener Straße entlang in Richtung Kölner Innenstadt. Gott sei Dank sind die Hausnummern hier nur noch dreistellig. Um 15.00 betrete ich die Domplatte und stehe vor der Kathedrale. Ein freundlicher Domschweizer erklärt mir, dass ich mit dem Rucksack leider nicht die Kirche betreten dürfe. Allerdings würde er ihn für mich hüten wie seinen Augapfel. Na ja, ich vertraue Dir mal. Betrete also den Dom. Ich war schon oft hier. Aber heute ist es anders. Ich bin zu Fuß nach Köln gegangen. Es war schön. Teilweise auch richtig anstrengend. Und nach meinem Bäckereibesuch musste ich mich echt aufraffen. Freue ich also über den besiegten Schweinehund und empfinde das Innere des Dom`s noch schöner, als es eh schon ist.

Schöner Tag, denke ich.

Zwei Kerzen entzünde ich noch und dann bewege ich mich Richtung Hauptbahnhof. Meine Bahn Richtung Kerpen fährt gleich ab.

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