· 

Eine (sehr kurze) Reise zum Lago di Orta

Montagabend, 19.30.

Bis man mal loskommt.

Irgendetwas fehlt immer und so bin ich noch mal schnell zum Discounter um die Ecke, um mich mit etwas Reiseproviant einzudecken.

Jetzt aber los. Der Verkehrsfunk sagt, dass auf meiner Strecke insgesamt mit einer Verzögerung von 2 Stunden zu rechnen ist. Geht doch, bei knapp 900 KM, die heute Nacht vor mir liegen.

Von Essen-Holsterhausen geht es zügig auf die A52 in Richtung Düsseldorf.

Im weiteren Verlauf nehme ich die A3, die A67, A5 und in der Schweiz die A2 Richtung San Gottardo. So der Plan.

Alles läuft gut und selbst in Köln ist ausnahmsweise kein Stau.

Als ich in SWR 3 Reichweite komme, höre ich vermehrt Unwetterwarnungen für den Raum Baden-Würtemberg. Genau meine Strecke.

Ich ignoriere sie für`s Erste und hoffe, dass sich die Lage beruhigt hat, wenn ich dort ankomme.

Hat sie nicht. Ich sehe am Horizont riesige Blitze zucken und es schüttet wie aus Eimern. Mittlerweile bin ich bei Baden Baden.

Tanke noch mal voll und komme danach teilweise nur in Schrittgeschwindigkeit voran, die Autobahn steht komplett unter Wasser. Das schlaucht. Nach ca. 50 KM hat sich der Regen etwas beruhigt, die Blitze zucken aber weiter über den nächtlichen Himmel.

Rastanlage Gotthard Süd in Richtung Italien, morgens um sechs Uhr. Copyright: Marcus Buchholz
Rastanlage Gotthard Süd in Richtung Italien, morgens um sechs Uhr.

Zwischendurch hatte ich zwei kleine Pausen eingelegt und mein Ziel für heute heißt nicht mehr Orta See, sondern: Rastplatz  Gotthard Süd.

gegen 03.00 morgens erreiche ich die Rastanlage.

Gott sei Dank, war die Einfahrt in den Tunnel staufrei und so spuckt er mich nach 17 KM wieder am Etappenziel aus. Es reicht für heute. Die Ladefläche meines  Kombis wird zum Bett umfunktioniert und ich schlafe sofort ein.

Am morgen wache ich um sechs Uhr auf und stelle fest, dass der Regen sich beruhigt hat. Bessser ist das.

Überhaupt mag ich Schweizer Autobahnen. Es reist sich entspannt mit einem Tempolimit von 120 KM/h. Nicht einer, der von hinten auf der Überholspur angeschossen kommt.

Schöner pullern am Rasthof Gotthard Nord. Die Schweizer Rastätten sind teuer, aber blitzsauber und edel ausgestattet.
Schöner pullern am Rasthof Gotthard Nord. Die Schweizer Rastätten sind teuer, aber blitzsauber und edel ausgestattet.

Noch ein Wort zu den Raststätten in der Schweiz. Sie sind teuer. Stimmt.

Aber vergleicht man sie mit den teilweise unterirdisch ausgestatteten Rasthöfen in Deutschland, so zahle ich den Preis gerne. Die Toiletten sind erstklassig und sehr sauber, die Restaurants verkaufen Bio Ware. 

Und egal wo in der Welt, sind Rasthöfe oft der erste Eindruck, den ein Reisender von einem Land bekommt.

Sie sind ein Aushängeschild.

Nur zum Vergleich:

Ein Essen in der Raststätte Gotthard Nord kostet zwischen 10-14 Schweizer Franken.

Pommes mit Formfleisch Schnitzel kosten an deutschen Raststätten  9 €.

Die Toilettenbenutzung in der Schweiz: 1€. Man bekommt einen Wertbon über einen Schweizer Franken zurück.

Genug davon, ich schweife ab.

Vor Sonnenaufgang verlasse ich den Rasthof und begebe mich wieder auf die A2 Richtung Italia.

Mein Benzinverbrauch liegt übrigens bei nachgewiesenen 6,0 l Super / 100 KM. Kein schlechter Wert für meinen 14 Jahre alten 3er Touring.

Gegen acht Uhr habe ich den Lago Maggiore erreicht, an dessen Ufer es weiter Richtung Orta San Giulio geht.

Ich erlebe einen wunderschönen Sonnenaufgang, den ich fotografieren muss.

Sonnenaufgang in Brissago am Lago Maggiore.
Sonnenaufgang in Brissago am Lago Maggiore.

An der Uferstraße in Brissago (Schweiz) erwische ich einen kleinen Parkplatz, um anhalten zu können. Das ist hier wirklich nicht einfach.

Es gibt so gut wie keine Parkbuchten.

Brissago am Lago Maggiore. Foto Copyright: Marcus Buchholz
Brissago im dunstigen Morgenlicht

Still ist es um diese Zeit. Ab und zu kommt ein Auto vorbei. Ansonsten höre ich nur den Wind und das leise Plätschern des Lago. Ich könnte hier noch lange sitzen, beschließe aber weiter nach Verbania zu fahren. Dort war ich 2017 schon einmal.

Bildquelle: Google Maps
Bildquelle: Google Maps

Mehr zu Verbania und zum Lago Maggiore gibt es hier zu lesen.

Ich erreiche zwischenzeitlich Omegna am nördlichen Teil des Lago di Orta. Für alle LiebhaberInnen italienischen Designs: In dieser Stadt befindet sich das Alessi Werk mit angeschlossenem Verkauf. Das gesamte Sortiment zu sehr günstigen Preisen. Überhaupt findet man in deser Stadt eine Menge Edelstahl verarbeitende Betriebe. Gerade für den Gastro Bereich.

Im weiteren Verlauf komme ich noch am Unesco-Weltkulturerbe Sacro Monte vorbei. Dort oben stehen 20 kleine Kapellen, die zu Ehren des heiligen Franz von Assisi errichtet wurden. Der Blick von hier auf den See und die Isola san Giulio ist fantastisch.

Blick vom Sacro Monte auf die Isola san Giulio
Blick vom Sacro Monte auf die Isola san Giulio
Angekommen in Orta san Giulio.
Angekommen in Orta san Giulio.

Geschäftiges Treiben am Fuß des kleinen Berges zeugt davon, dass ich in Orta san Giulio angekommen bin.

Mein Auto stelle ich im Parkhaus außerhalb des Ortskerns ab. Die Altstadt ist autofrei und es sind nur 3 Min. zu Fuß. Es ist ein komisches Gefühl. Ich kenne diesen Ort. Ich liebe das Land und seine Menschen. Trotzdem fühlt es sich merkwürdig an. Ich bin das erste Mal in meinem Leben alleine in Urlaub gefahren. Und ich frage mich, mit wem ich diese ganzen wunderbaren Eindrücke teilen kann.

Ich erreiche die Piazza Motta und wie beim letzten Mal auch, bin ich beeindruckt von der Atmosphäre. Orta San Giulio hat knapp 1300 Einwohner. An einem Tag wie heute, mitten in den Sommerferien, sind es bestimmt noch mal so viele Touristen.

Blick von der Piazza Motta auf die Isola san Giulio
Blick von der Piazza Motta auf die Isola san Giulio

Es ist schwül und für heute Abend sind in Norditalien Unwetter angesagt. Ich setze mich in`s Ristorante Venus und bestelle einen Cafe Americano, da mein Zimmer  erst gegen Mittag bezugsfertig ist.

Zeit, die ich sehr gerne zum Fotografieren nutze.

Gegen 13.00 checke ich ein und ich freue mich auf eine ausgiebige Dusche.

Mein zu Hause auf Zeit ist das Piccolo Hotel Olina, in dem ich noch eines der letzten Zimmer bekommen habe. Preis: 75 €.

Das Frühstück kostet noch einmal 10 € extra.

Nach der Dusche lege ich mich kurz hin und schlafe sofort ein. Als ich aufwache, sind zwei Stunden vergangen. Es ist noch drückender und ich verlasse mein Domizil, um eine Runde durch den Ort zu drehen.

Mittlerweile ist es 18.00 und die Restaurants und Bars an der Piazza Motta füllen sich mit Gästen.

Irgendwie ist das nicht mein Tag. Mir fehlt die fotografische Inspiration. Läuft halt nicht so. Was habe ich auch erwartet. Bin schließlich die ganze Nacht Auto gefahren.

Trotzdem kann ich die Kamera nicht aus der Hand legen. Überall findet sich Kunst, Kultur und Geschichte.

Mich sprechen die vielen Details an, die es zu entdecken gibt. Ich finde, dass die Menschen hier ein echtes Händchen dafür haben, mit wenigen Mitteln und viel Kreativität Ihren Ort herauszuputzen. Dazu kommt eine unglaubliche Freundlichkeit und Offenheit. Hier wird viel gelacht und die Kellner in den Restaurants behalten auch im größten Gewusel ganz gelassen den Überblick.

Das gefällt mir wirklich sehr und ich könnte den ganzen Abend damit verbringen, dem Treiben zuzuschauen.

Doch ich merke auch, dass es mich zurück zieht. Vielleicht muss ich das erst lernen. Dieses alleine reisen. Auf jeden Fall ist es eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Ich hadere auch nicht mit meinem Entschluss. Der Himmel zieht sich gegen Abend zu und es beginnt zu regnen.

Um 20.30 sage ich arrivederci und begebe mich auf den Rückweg der kürzesten Italienreise, die ich je unternommen habe.

Ich muss völlig verrückt sein denke ich mir und ich habe ehrlich gesagt lange überlegt, ob ich überhaupt einen Bericht über eine Reise berichten soll, die wohl die persönlichste und kürzeste war, die ich je unternommen habe.

 

Der Truckstop an der A2 Richtung Norden, Parkplatz Knutwil
Der Truckstop an der A2 Richtung Norden, Parkplatz Knutwil

Von einer Begebenheit muss ich noch erzählen, da sie wirklich nett war.

Auf dem Rückweg habe ich an einem Parkplatz hinter dem Gotthardtunnel die A2 verlassen. Ein kleiner Parkplatz mit einer Imbissbude darauf.

Der Ausdruck Imbissbude klingt so negativ und wird dem, was mich dort erwartete eigentlich nicht gerecht. Riiiichtig cool.

Ich betrete also den umgebauten Bürocontainer mit Zelt davor und bin baff. Kein Friteusenmief. Sehr sortiert und sauber.

Und hinter dem Tresen ein Mensch, der aussieht wie die Mischung aus einem Woodstock-Althippie und Trucker. Ich meine das im positiven Sinn! Und er ist super nett. Wir kommen in`s Gespräch und er erzählt mir, dass er früher tatsächlich LKW`s durch die Welt lenkte und sich nun hier auf dem Parkplatz mit seinem "Truckstop" eine Existenz aufgebaut hat.

Der Kaffe kommt aus einer chromglänzenden Edelmaschine eines Schweizer Herstellers ;-) Und ist richtig lecker.

Bunte Schweizer Kuh am Rastplatz Knutwil
Bunte Schweizer Kuh am Rastplatz Knutwil

Wir reden noch eine ganze Zeit, bis der nächste Kunde den Laden betritt. Ich verabschiede mich und verspreche, dass ich wiederkommen werde, sollte ich noch einmal auf dieser Autobahn unterwegs sein.

 

Merke:

Der Weg ist das Ziel und auf diesem Weg gibt es spannende Dinge zu entdecken.

Im Radio läuft Rod Stewart`s "I don`t wanna talk about it"...

"Ja ja" denke ich, pfeife die Melodie mit und überquere die deutsche Grenze....


Reisebilder


Kommentar schreiben

Kommentare: 0