Alte Liebe: Ein Abstecher nach Erftstadt-Lechenich

Bonner Tor
Bonner Tor

Ich befinde mich auf der Rückreise von einem Termin, als ich auf der A61 an der Ausfahrt Erftstadt vorbeikomme.

Eine Menge schöner, privater Erinnerungen schießen mir durch den Kopf. Eine Zeit lang habe ich im Rhein-Erft -Kreis gelebt, und es ist  echt verrückt, welche Anziehungskraft dieses Ausfahrt-Schild noch immer auf mich ausübt. 

Da ich eine Kamera dabei habe und meine Tanknadel Richtung Reserve tendiert, beschließe ich dem Städtchen einen Besuch abzustatten. Schön, wieder hier zu sein. Es fühlt sich irgendwie an, als würde ich nach langer Zeit einen alten Freund wiedertreffen.

Das historische Rathaus am Marktplatz in Lechenich
Das historische Rathaus am Marktplatz in Lechenich

Also den Blinker rechts gesetzt und fünf Minuten später sehe ich das Bonner Tor.

Für mich ist es das Wahrzeichen von Lechenich. Wer hindurchgeht, bzw.fährt, befindet sich sofort auf einem wunderschönen Marktplatz, der außen von Geschäften und Cafés gesäumt ist. Hier lässt es sich im Sommer wie Winter vorzüglich aushalten.
Direkt hinter dem Markt ragt der Kirchturm von St. Kilian empor. 
Wer Lust hat, dem sei empfohlen, mal während der Karnevalssession herzukommen.
Allein die Nubbelverbrennung am Dienstag ist einen Besuch wert.

Und während ich bei meinem Spaziergang zufällig am Gemeindesaal der o.g. Kirchengemeinde vorbeikomme, fällt mir folgender Abend ein:

Es ist der 28.02.2017, Karnevals Dienstag, 19.00h

Claudia und ich sind mal wieder in Lechenich.

Sie hatte am Wochenende zuvor in der Zeitung gelesen, dass dort der Nubbel verbrannt werden soll.

Das wollen wir uns ansehen und stehen nun etwas unentschlossen vor dem Gemeindezentrum von St. Kilian.

Zwar ist es eine öffentliche Veranstaltung, aber für mich als Ruhri ist es das erste Mal, dass ich mit dem rheinländischen Karneval so eng auf Tuchfühlung gehe.

Es regnet und es ist kalt.

Im Keller feiert die Lechenicher Narrenzunft/Stadtgarde.

Wir geben uns einen Ruck und steigen die Treppe hinab. 

Je tiefer wir kommen, desto lauter wird es. Kölsche Karnevalsmusik und Stimmengewirr.

Die Luft ist feucht-warm und es riecht nach Bier, Kartoffelsalat und Bockwurst.

Eintritt? Fehlanzeige :-) Wie cool.

Unten angekommen treffen wir auf eine Menge Jecken und werden sofort integriert.

Die Versorgung der Partygemeinde mit Kölsch und diversen, selbstgemachten Speisen funktioniert per Wertmarke und ist sensationell günstig und sehr lecker.

Nacht an der Erft
Nacht an der Erft

Draußen schüttet es mittlerweile wie aus Eimern und es wird beschlossen, dass der Nubbel wegen des schlechten Wetters an diesem Abend nicht verbrannt, sondern im Pfarrsaal "beerdigt" wird.

Also verlassen alle Beteiligten gegen 21.00 den Keller und betreten einen komplett dunklen Saal im Erdgeschoss des Pfarrzentrums. In der Mitte des Raumes steht ein Katafalk, auf dem die Puppe aufgebahrt ist. Schon irgendwie spooky.

Bis auf ein paar Kerzen sieht man keine weiteren Lichtquelle. Im Hintergrund läuft Choralmusik und es herrscht andächtige Stille.

Ein krasser Gegensatz zur Party im Keller.

Man spürt, dass die Karnevalssaison mit dem Begräbnis des Nubbels nun ihrem Ende entgegengeht.

Diverse Reden und Predigten werden gehalten, bis nach ca. 45 Min. der Karneval mit großer Trauer und dem Beweinen des Verstorbenen beendet wird.

Endgültige Gänsehaut kommt bei dem Ritual auf, als das Schlusslied angestimmt wird.

Alle Beteiligten fassen sich an den Händen und aus den Lautsprechern klingen folgende erste Zeilen eines sehr berühmten Liedes, einer sehr berühmten Kölner Karnevals Band:

"Wie soll dat nur wigger jon, wat bliev dann hück noch ston, die Hüsjer un Jasse die Stündcher beim Klaafe
es dat vorbei.
En d'r Weetschaff op d'r Eck ston die Männer an d'r Thek' die Fraulückcher setze beim Schwätzje zosamme
es dat vorbei.
Wat och passeet,
dat eine es doch klor.
Et Schönste, wat m'r han,
schon all die lange Johr,
es unser Veedel,
denn he hält m'r zosamme
ejal, wat och passeet,
en uns'rem Veedel..."

Ich spüre, wie sich Claudias Hand fester um die Meine schließt und habe einen Klos im Hals.

Es ist einfach Menschen kennenzulernen, wenn man sich nur traut, denke ich.

Im nächsten Jahr waren wir wieder dort...

"Erftstein" eine witzige Idee. Nun ist er auf seiner Reise in Essen angekommen und kehrt garantiert wieder zurück.
"Erftstein" eine witzige Idee. Nun ist er auf seiner Reise in Essen angekommen und kehrt garantiert wieder zurück.

Es beginnt nun auch bin der Gegenwart  zu regnen, ich werde aus meinen Gedanken gerissen und schieße mein letztes Bild an der Erft.

Als ich mich gerade auf den Heimweg machen möchte, stößt mein Fuß auf einer Metallplatte an einen kleinen, harten Gegenstand, den ich im Dunkel nicht sofort erkenne. Ich hebe ihn auf und sehe einen bemalten Kieselstein.

Ein sogenannter "Erftstein", wie ich im Licht einer Laterne lese.

Aufschrift:

"Love is in the Air" :-)

Gibt`s doch nicht, denke ich. Das passt... und fange an zu lächeln..

Ich gehe zum Auto, drehe den Zündschlüssel herum und eine Stunde später hat mich meine Geburtsstadt Essen wieder.

Es bleiben die Erinnerungen an schöne Erlebnisse.

Die Eindrücke des Abends hallen noch lange nach... 

Claudia und ich sind mittlerweile leider getrennt, aber das ist eine ganz andere Geschichte, die hier nicht hingehört und nur und Beide angeht...

Wem das jetzt zu schnulzig war, dem oder der sei gesagt, dass auch das zum Leben und zum Karneval gehört.

Die Rückschau, die Lieder, das Feiern und die Gewissheit, dass alles immer wieder neu beginnt und die Zukunft viel Spannendes bereithält.

In diesem Sinne: Alaaf

 

Infos zu Lechenich, den Erftsteinen und Veranstaltungen gibt es u.a. hier:

www.erftstadt.de

https://www.facebook.com/groups/878611342494147/

www.lechenicher-stadtgarde.de

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